"Die Welt wird schöner mit jedem Tag..."

So war das Lebensgefühl der jungen Leute kurz vor dem 1. Weltkrieg! Und davon handelt unser neues Buch...

Aus einer Unmenge von familiengeschichtlichem Material, das weit ins 19. Jahrhundert zurück- und weit ins 20. hineinreicht, haben wir den Zeitraum von 1900 bis 1922 ausgewählt, also die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, die uns besonders interessant und aussagekräftig erschienen. Das Geschehen wird wiedergegeben aus der Sicht zweier junger Mädchen, meiner Großmutter Helene Paulsen (Jahrgang 1891) und ihrer Schwester Minna (Jahrgang 1892), die ihre ersten Lebensjahre auf dem väterlichen Bauernhof in Walle bei Wöhrden verlebten. Das Jahr 1900 bot sich als Anfangspunkt an, weil die Familie in diesem Jahr (für kurze Zeit) nach Wiesbaden verzog, das Jahr 1922, weil in diesem Jahr Minna Paulsen (unter geradezu tragischen Umständen) verstarb.

 

Wilhelm Paulsen selbst, der Vater der Mädchen, hatte keine große Lust zur Landwirtschaft. Ihm stand der Sinn nach einem kultivierten Leben im großbürgerlichen Stil. Er verkaufte den Hof, legte das Geld an und lebte als „Rentier“ bequem von den Zinsen – unvorstellbar in heutigen Nullzins-Zeiten! Die Familie zog nach Wiesbaden, damals eine in wilhelminischem Glanz prunkende Kurstadt mit 84.000 Einwohnern. Der Vater gründete dort mit einigen anderen „Exil-Dithmarschern“ einen plattdeutschen Club, z. B. mit einem Pastor Georg Welker aus Büsum, der einen Band mit freireligiösen Predigten herausgab, oder einem Zimmermeister und Bauunternehmer Hermann Carstens, dessen Tochter Lina die beste Freundin der beiden Paulsen-Mädchen war. Lina Carstens wurde später Schauspielerin und wird Vielen noch als Tante Polly im Weihnachts-Vierteiler „Tom Sawyer“, als Heinz Rühmanns Haushälterin in den beiden „Father Brown“-Filmen und in vielen anderen Rollen aus Film und Fernsehen in guter Erinnerung sein.

Die Familie Paulsen hielt es nicht lange in Wiesbaden, das Heimweh (eine typisch norddeutsche Krankheit!) war zu stark, man zog zurück nach Wöhrden und später nach Heide. Der großbürgerliche Lebensstil wurde trotzdem aufrechterhalten, die Töchter erhielten die bestmögliche Ausbildung, die für Mädchen damals zu bekommen war, und konnten zwei-, drei- oder viermal im Jahr verreisen, wobei sie bei Verwandten oder Bekannten vier bis sechs Wochen zu Besuch blieben – weder Zeit noch Geld spielten eine Rolle.

In den Herbst- und Wintermonaten von 1909 auf 1910 lebten die beiden Mädchen in einem Pensionat in Jena, Helene bis zum April, Minna noch bis zum August. Solche Mädchenpensionate – eine typische Institution der Kaiserzeit – sollten den „höheren Töchtern“ den letzten Schliff geben und außer Kenntnissen in Führung eines großbürgerlichen Haushalts auch kulturelles Wissen vermitteln, um einem akademisch gebildeten Mann eine gleichrangige Partnerin sein zu können. Man arrangierte unverbindliche Gelegenheiten, bei denen die Mädchen mit jungen Männern zusammentrafen (Tanzstunden, Ausflüge, öffentliche Feiern), wobei eine Eheanbahnung nicht beabsichtigt war, aber auch nicht vorsätzlich verhindert wurde. Man ließ den Mädchen einen gewissen Freiraum, weil man sich auf die gute Erziehung der jungen Leute verlassen konnte – und eine ältere Respektsperson immer in der Nähe war.

Und die Mädchen genossen ihre Freiheit, tummelten sich im Jenaer Studentenleben, staunten die Verbindungsstudenten in ihrer malerischen Aufmachung an und ahmten heimlich ihre Gebräuche nach, verliebten sich heftig in einen „Burschen“ mit einem flotten Schmiss (ein Schmiss galt als ausgesprochen sexy!) und waren selig, wenn sie von ihm auf der Straße gegrüßt wurden – weiter gediehen diese Affären selten. Weit fester hielten die Freundschaftsbünde, die die Mädchen untereinander schmiedeten und die sich zum Teil noch in zwei Weltkriegen bewähren sollten.

Als Helene schon nach Hause zurückgekehrt ist, bleibt Minna noch den Sommer über in Jena und wird in den Sera-Kreis des Verlegers Eugen Diederichs aufgenommen, der ein Teil der damaligen Jugendbewegung war. Man unternimmt Wanderungen in der Jenaer Umgebung, kleidet sich in mittelalterlichen Trachten, singt Lieder zur „Zupfgeige“ (der Gitarre), tanzt auf Waldlichtungen alte Reigentänze, führt auf Dorfplätzen oder vor Gutshöfen kleine Stücke auf, wird auf Bauernkarren ins nächste Dorf mitgenommen, übernachtet in Heuschobern und geht unter den jungen Leuten so frei miteinander um, wie die wohlerzogenen höheren Töchter das nie zuvor erlebt haben.

Überhaupt sind diese letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg ganz und gar von der Jugend geprägt, die von einer neuen, freieren Gesellschaft träumt. „Reform“ ist das Zauberwort der Zeit, man diskutiert eifrig über Bildungs-, Boden-, Kleider-, Ernährungs- und Lebensreform. Unsere heutigen Reformhäuser sind ein Erbe dieser Zeit, ebenso wie die Waldorf- und ähnliche Reformschulen. Wie sich diese Reformbestrebungen ausgewirkt hätten, wenn sie sich frei hätten entfalten können, darüber kann man nur spekulieren. Denn viele dieser jungen Leute, die so glühend von einer besseren Welt träumten, würden wenig später auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verbluten, und mit ihnen wurden auch viele ihrer Hoffnungen begraben.

"Die Welt wird schöner mit jedem Tag" - Zwei Schwestern aus Dithmarschen und die Welt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Herausgegeben von Johann Wilhelm Thomsen und Hargen Thomsen. 192 S. mit 65 Abb. (davon 14 farbig) Edition Dithmarscher Landeskunde 2021. Hardcover. 19,99 € ISBN: 978-3-7519-7982-5.

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© Hargen Thomsen