Der historische Roman ...

... war lange Zeit ein eher mißachtetes Genre, bis der Erfolg von Umberto Ecos Der Name der Rose (1982) es wieder in den Vordergrund rückte.

 

Bei aller formalen und inhaltlichen Komplexität funktionierte Ecos Buch im Kern nach einem sehr einfachen Schema, das sich seine Nachahmer leicht zu eigen machen konnten: Der Held ist ein Mensch der Moderne, der in eine unverständliche Welt der Vergangenheit versetzt ist und sich dieser mit den intellektuellen Mitteln und moralischen Ansichten der Moderne nähert. Er bleibt daher ein Fremdkörper in dieser Welt und bringt sie auch dem Leser nicht näher, weil das gar nicht die Absicht des Autors ist.

 

Der Held bleibt unberührt im Mittelpunkt, während um ihn herum ein Pandämonium aus abergläubischen Intriganten, verführerischen Kräuterhexen, Scheiterhaufen entzündenden Inquisitoren und Folterknechten mit Zahnfäule tanzt. Diese fremde Welt wird lukullisch ausgebreitet, aber nicht empatisch nachempfunden. Es geht nur darum, durch das Medium des Helden der Vergangenheit die Sicht-, Denk- und Empfindungsweise der Gegenwart aufzuzwingen.

 

Daß Eco am Ende seines Romans die Abtei niederbrennen läßt, ist da ein deutliches Zeichen seines Verhältnisses zur Vergangenheit. Geschichte ist nur dazu da, in Trümmern zu sinken, um der Gegenwart Platz zu machen.

Dagegen haben die großen Autoren des Genres, wie Manzoni oder Tolstoi, Nievo, Sienkiewicz oder Stifter, die Vergangenheit immer in ihrem eigenen Recht wahrgenommen.

 

Jede Epoche hat ihre eigene Art, Glück und die Erfüllung menschlicher Existenz zu suchen, ihre eigene Vorstellung von Himmel und Hölle, ihre eigene Art von Irrtümern und Triumphen, und was im einen Zeitalter eine Tugend ist, kann in der anderen eine Sünde sein, ohne daß man sagen kann, welche im Recht und welche im Unrecht ist. Jede Zeit ist unmittelbar zu sich selbst, und wenn man das in all seinen Konsequenzen begreift, löst sich der Begriff von historischem Fortschritt (der für die Geschichtswissenschaft essentiell ist) in nichts auf.

 

Der Mammutjäger in der Steinzeit oder der Legionär in der Antike oder der Steinmetz im Mittelalter kann ebensogut zum Ziel alles Menschlichen gelangen, wie der Mensch der Moderne, ohne daß er wie der Mensch der Moderne denken oder fühlen muß.

Der Autor historischer Romane sollte also nicht die Vergangenheit verdammen und verbrennen, um die Gegenwart umso glorreicher ins Licht zu setzen. Er sollte vielmehr jene als Spiegel benutzen, um diese darin umso deutlicher zu zeigen, und das kann nur geschehen, wenn man die eine so ernst nimmt wie die andere. Denn eins ist ganz gewiß: daß die Zukunft auf uns mit ebensoviel Hohn und Verachtung herabsehen wird, wie wir auf die Vergangenheit.

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© Hargen Thomsen