... ungeheuer ist die Zeit, in der wir leben

Sie schrak auf und sah sich jemandem gegenüber, den sie nie gesehen hatte, blass, ernst und wässrig verschwommen wie aus dem Grund eines Brunnens heraufschauend. Dem zweiten Blick schien es immer älter, immer urtümlicher, immer pflanzenhafter zu werden, die Beine wie Wurzeln, die sich in breiten knotigen Strängen in die Erde verloren, um verrinnende Kraft aus den Tiefen des vergessenen Vergangenen zu ziehen, der Körper ein glatter geäderter Stamm, zu breit umfangen zu werden, aber von jedem Vorbeireisenden durch eine geritzte Rune verziert, so daß er wie ein runzliges Rätsel mit tausend Lösungen wirkte, das Haupt mit einem Haarschopf aus tausend kleinen Ästen wie aus abertausend grünen Gedanken verwuchert, das Gesicht von herabhängendem Laub verschleiert, das an einem gebrochenen und halbabgerissenen Zweig rötlich sterbend sich zu färben begann, durch die krankkräuselnden Blätter hindurch zwei Augen schimmernd dunkel voll erwartungsfroher Trauer glimmend in tränenfeuchter Hoffnung, die ganze Gestalt zitternd in äonenalter Jugendlichkeit. Europa, dachte sie, gestrandet an Hispaniens Küste, geschändet und verlassen vom lügenden Gott der Heiden, verpflanzt in die Fremde, aus giftgedüngtem Boden das Wasser der Ewigkeit ziehend und Wetter und Wolken zum Himmel färbend, alt werden, Baum werden, Schatten werden, Mutter werden, die wahren und die falschen Runen erdulden und verwachsen lassen und die Krone sich breiten lassen über gerodetes und verwildertes Land und die Äxte der Missionare ertragen, die sie für einen neuen Scheinglauben fällen wollen, und ewig bleiben noch im kürzesten Hohn, grade bleiben noch in der boshaftesten Verdrehung, und geduldig die Ungeduld der Dummheit tragen und sich verleugnen lassen von allen ihren Kindern, so steht sie da und sieht mich an und entsetzt sich vor mir, die ich wage ihr ähnlich zu sein! Ähnlich zu sein?

 

Sie stutzte im dritten Blick und brach dann in Lachen, kurz und heftig, über ihre seltsame Täuschung aus, denn die Gestalt war sie selbst in einem Spiegel.

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© Hargen Thomsen