Das kulturelle Erbe

Was ist es, das eine Zeit der anderen vererbt? Sind es die aufgehäuften Schätze vergangenen Reichtums, die Produkte der Kunstfertigkeit von Bildhauern, Töpfern, Goldschmieden, das zusammengeklaubte Raubgut aus Feldzügen, in denen Völkern das Leben und das Gedenken geraubt wurde? Sind es die Geschichtschroniken, die diese Feldzüge feiern, die Gedichte, die Völkermörder verherrlichen, die Paläste, die sie zum Ruhm ihrer Taten errichteten?

 

Ist es Geschichte, dieses ewig gleichförmige Lied aus Mord, Raub, Vergewaltigung, Betrug, Lüge, Verleumdung, Haß, Erniedrigung und Demütigung alles Menschlichen?

Oder ist es ein Hauch, der durch die Jahrhunderte zieht, so zart und zerstreut, daß er oft nicht wahrgenommen wird, ein Hauch, der das Erbe weiterträgt von Hoffnung, Liebe Glauben und dem unzerstörbaren Vertrauen auf das Gute, der Hauch einer Ahnung von den Möglichkeiten, die dem Menschen offenstehen, wenn er es wagt, völlig Mensch zu sein?

Die Visigoten waren ein Volk, in dessen Geist sich archaischer Furor und kühle Vernunft seltsam mischten, ein Kriegervolk mit liberalen Gebräuchen, ein Volk, das einige der ungewöhnlichsten Entscheidungen in der Geschichte unseres Kontinents getroffen hat. Ihre mutigste und größte Tat war, sich selbst zum Verschwinden zu bringen, sich in das hispanische Volk aufzulösen - denn Assimilation bedeutet immer auch Anihilation. Als die Araber kamen, war die Arbeit der Goten getan: Das spanische Volk war fertig und bereit, die Herausforderung anzunehmen.

 

Es gibt keine Goten mehr. Aber sie sind noch da. In uns Europäern.

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© Hargen Thomsen